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Sie besteht aus »Alteisen, Blech, Rost, Hobelspänen, aufgerissenem Pflaster, Baustellen voll Unkraut und Kehrrichthaufen, aus Fischkonservenfabriken in Wellblechschuppen, aus Wirtschaften, Hurenhäusern, Chinesenhütten, Laboratorien, Läden voll mit Kram, aus Lagerhallen und fauligen Fischen« - so beschrieb der Schriftsteller John Stein-beck Mitte der dreißiger Jahre die Cannery Row, »Die Straße der Ölsardinen« im Hafenstädtchen Monterey. Davon ist nichts übrig geblieben. Wo einst in der Hovden-Fabrik an der Cannery Row fleißige Hände Sardinen in flache Dosen stopften, geht es heute zwar immer noch um die Früchte des Meeres - allerdings um lebende. Für über 50 Millionen Dollar entstand in der ersten Hälfte der achtziger Jahre mit dem inzwischen renommierten
Monterey Bay Aquarium eines der größten Meeresmuseen der USA, in dem über 6500 Meeresbewohner, vom Oktopus bis zum Hai, eine neue Heimat fanden. Die Wasserbecken sind teilweise mehrere Stockwerke hoch, und im blau- grünen Wasser bewegt sich die unterseeische Vegetation im Rhythmus des Meeres. Der moderne Tourismus hat die von Steinbeck so trefflich eingefangene Atmosphäre längst dem Kommerz geopfert und glattpoliert. Aus der Cannery Row ist ein geteerter Laufsteg der Eitelkeiten geworden mit Boutiquen, Antiquitätenshops, teuren Restaurants, einem Wachsfigurenmuseum, Eiscreme- und Zuckerwatte- ständen sowie diversen Unsinnsläden. Für fast alles, T-Shirts, Baseballmützen und Kaffeetassen, muß der Schriftsteller als Dekorationselement herhalten. Bei einem Besuch der »modernen« Cannery Row in den frühen sechziger Jahren vermißte Steinbeck nur zwei Dinge: »Schmeißfliegen aus Plastik und künstlichen Fischgeruch«. John Steinbeck war nicht der einzige Schriftsteller, welcher der Hafenstadt ein literarisches Denkmal setzte. 1879 überquerte ein anderer den Atlantik in Richtung New York, heiratete dort eine Amerikanerin und setzte die Reise per Eisenbahn nach Monterey fort: Robert Louis Stevenson, weltberühmter Autor der »Schatzinsel« und der Geschichte von »Dr. Jekyll und Mr. Hyde«. Er litt von Kindheit an unter einer Lungenkrankheit und suchte im milden Klima Linderung. Der Schotte blieb nur wenige Tage in der Stadt und wohnte auf der zweiten Etage des Hauses der Familie Giradin, das heute den Namen Stevenson House trägt. Dort schrieb er den Essay »The Old Pacific Capital«, der sich mit den Schönheiten des alten Monterey befaßte und in dem er die eigentümliche Atmosphäre festhielt, die sich aus dem Nebeneinander von spanischen, angelsächsischen, indianischen und pazifisch-asiatischen Traditionen ergab. Der portugiesische Seefahrer Juan Rodriguez Cabrillo soll der erste Europäer gewesen sein, der im Auftrag der spanischen Krone an der kalifornischen Küste nordwärts segelte und im Jahr 1542 die Bucht von Monterey zu Gesicht bekam. Doch erst im Jahr 1770 begannen die Spanier mit der Kolonisierung des von Ohlone-lndianern bewohnten Gebietes. In jenem Jahr baute der Franziskanerpater Junipero Serra in Carmel mit der Mission San Carlos Borromeo del Rio Carmelo das Mutterhaus der kalifornischen Missionen am Camino Real auf. Fünf Jahre später machte der König von Spanien Monterey zur kalifornischen Hauptstadt. 1822 kam die gesamte Region mit der Unabhängigkeit Mexikos unter die Kontrolle der Regierung in Mexico-Stadt. Beim Anschluß Kaliforniens an die amerikanische Union spielte das verträumte Monterey eine politische Vorreiterrolle. Zunächst war das amerikanische Interesse an der Bucht rein kommerzieller Art. Das änderte sich 1842. Damals nahmen US-Truppen unter Füh des Marineoffiziers Catesby Jones die Stadt kampflos ein, weil sie geglaubt hatten, zwischen den USA und Mexiko sei ein Krieg ausgebrochen, und Großbritannien schicke sich an, Kalifornien unter seine Kontrolle zu bringen. Kurze Zeit später mußte sich die Stadt nochmals den Yankees ergeben diesmal für immer. 1849, ein Jahr vor der Staatsgründung, wurde in Monterey die neue kalifornische Verfassung aus der Taufe gehoben und verabschiedet. Dem unblutigen Machtwechsel verdankt Monterey, daß sein historischer Stadtkern bis in die Gegenwart weitgehend unverändert erhalten blieb. Drei Dutzend vorwiegend aus dem 19. Jahrhundert stammende Gebäude sind im Monterey State Historic Park vereint Die Straße um die
Monterey Peninsula führt durch einen der schönsten Abschnitte der kalifornischen Küste. Wenige Kurven nach dem Monterey Aquarium erreicht die Route den malerischen Flecken Pacific Grove mit von Oleanderbäumen eingerahmten Villen und blumenübersäten Wiesen, über denen im Frühjahr Abertausende von Schmetterlingen flattern. An manchen heißen Sommertagen riecht man auf der Fahrt am Meeressaum entlang die Kiefernwälder des Binnenlandes. Auf dem Landvorsprung vermischt sich dieser Duft mit der salzigen Brise, die vom Pazifik über die felsige Küste mit ihren von Robben und Kormoranen bevölkerten Felsen kommt. Der Ocean View Boulevard führt über den berühmten 17-Mile-Drive. Die Privatstraße gehört einer Immobiliengesellschaft, die selbstverständlich gegen Entrichtung eines Obolus - die Besichtigung ihres Grund und Bodens gestattet. An diesen 17 Meilen liegen 26 Aussichtspunkte und Sehenswürdigkeiten wie die »Lone Pine«, die tatsächlich keine Kiefer, sondern eine verloren auf einem Felsvorsprung stehende Zypresse ist, der Seal Rock als Heimat einer Robbenkolonie und der Bird Rock, auf dem sich Möwen, Kormorane und viele andere Meeresvögel den knappen Platz teilen. Und hier befindet sich auch der weltberühmte Pebble Beach Golf Course, eine Legende des Golfsports - wie Wimbledon für Tennis, Monaco für die Formel 1. Jeweils im Februar findet auf dem zauberhaftgelegenen Platz ein hochdotiertes Turnier statt. Dann kämpfen die Profis wieder am 18. Loch, das auf einer schmalen Felsnase liegt und auf drei Seiten von tosender Brandung umspült wird. Manche Golfnarren behaupten, es gäbe keinen größeren Nervenkitzel, als dieses spektakuläre Loch über den Klippen zu spielen. Die meisten Monterey-Besucher biegen vom 17-Mile-Drive ab, um dem Städtchen Carmel einen Besuch abzustatten. Der Ort ist wahrscheinlich sogar bekannter als das viel größere Monterey. Das liegt weniger an der malerischen Küste und auch nicht am manikürten Straßenbild, aus dem die Stadtväter so profane Einrichtungen wie Ampeln, Leuchtreklamen und Parkuhren verbannten. Es hat wohl eher damit zu tun, daß sich die snobistische Enklave im Jahr 1986 einen weltbekannten Bürgermeister leistete: den Schauspieler und Regisseur Clint Eastwood. Wie eh und je beherrschen Galerien und Kunstgewerbeläden den äußerst aufgeräumt wirkenden Ort, dem aber auf seltsame Weise ein Eigenleben fehlt. Supermärkte und Schnellimbisse sucht man in den Straßen vergeblich, Tankstellen müssen sich mit Fassaden dekorieren, daß man sie für normale Wohnhäuser halten könnte. Als San Francisco 1906 beim großen Erdbeben zerstört wurde, kehrten zahlreiche Künstler der Stadt den Rücken und ließen sich in Carmel nieder, wo die Franziskaner 1770 die zweite kalifornische Mission gegründet hatten, heute ein gründlich restaurierter, zauberhafter Komplex mit einem idyllischen Garten. In seinen Erzählungen und Romanen beschrieb John Steinbeck nicht nur Monterey, sondern auch viele andere Orte und Plätze der Region. Geboren wurde der Schriftsteller im Jahr 1902 im Städtchen Salinas einige Meilen landeinwärts. Ihm und den wenigen erhaltenen Steinbeckschen Spuren ist zuzuschreiben, daß manche Besucher den Weg in die knapp 90000 Einwohner zählende Stadt finden, die von riesigen Salatäckern, Zuckerrüben- und Artischockenfeldern umgeben ist. Erst langsam bekennt sich die Stadt zu ihrem großen Sohn John Steinbeck. Lange galt er als Verräter, weil er sich allzu kritisch mit seiner Heimat auseinandergesetzt hatte. In seinem 1939 erschienenen Roman »Früchte des Zorns« nahm er das Gefalle zwischen schwerreichen Grundbesitzern und rechtlosen Landarbeitern aufs Korn. Deshalb wurde das Buch in Kalifornien öffentlich verbrannt und aus den Bibliotheken verbannt. Zeitweise mußte Steinbeck sogar unter Polizeischutz gestellt werden. Die Wut hat sich gelegt, allerdings erst in den letzten Jahren. Heute gibt es in Salinas eine Stiftung und eine kleine Ausstellung in der nach dem Nobelpreisträger benannten öffentlichen Bibliothek. Salinas ist die größte Stadt im nördlichen Salinas Valley, das durch die Diabolo Range vom Central Valley getrennt ist. Die Artverwandtschaft zwischen den beiden kalifornischen Längstälern ist offen kundig. Beide gehören zu den ertragreichsten landwirtschaftlichen Produktionszonen Amerikas. Im Salinas-Tal reichen die Kulturen von einem Horizont zum anderen. Nur mit riesigen, eigens konstruierten Maschinen lassen sich die Felder noch bewirtschaften. Bei King City führt eine Bahnlinie mitten in die Zuckerrübenäcker, so daß die Feldfrüchte von speziellen Förderbändern direkt auf die Bahnwaggons verladen werden können. Vor 150 Jahren muß das Tal noch völlig anders ausgesehen haben. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts weideten dort große Viehherden. Zwischen 1860 und 1862 ließ jedoch eine Trockenperiode die Weidegründe zu Staubwüsten verkommen - die Herden verschwanden, von nun an bedeckten Weizenfelder das Tal. Gefördert wurde diese Veränderung auch durch den Anschluß Kaliforniens an das Eisenbahnnetz und die dadurch hergestellte Marktnähe. Später sattelten die Farmer der Region auf Zuckerrüben um, weil diese Feldfrüchte höhere Gewinne abwarfen als der Weizenanbau. Der Pionier auf diesem Gebiet war der aus Hannover stammende Selfmade-Millionär Claus Spreckels, der um Watsonville im ausgehenden 19. Jahrhundert einige Zuckerraffinerien errichten ließ. Der nächste Wandel im Salinas Valley stand in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts an, als plötzlich die Nachfrage nach Salat und Artischocken anstieg und die Region zum neuen Anbaugebiet für diese landwirtschaftlichen Produkte wurde. Damals war die Mechanisierung der Landwirtschaft zwar schon im Gang. Dennoch holten die Großgrundbesitzer Tausende von Arbeitern aus dem benachbarten Mexiko, von den Philippinen und aus Japan. Sie mußten unter miserablen Bedingungen schuften und in erbärmlichen Behausungen leben. Inzwischen hat sich einiges verändert auch dank der Schilderungen John Steinbecks. Aber noch heute verdingen sich vor allem Mexikaner, häufig als illegale Einwanderer, auf den riesigen Kulturen zu Niedrigstlöhnen und ohne soziale Absicherung. Dieses Agrarproletariat zieht sich in Kalifornien seit Jahrzehnten den Zorn von erzkonservativen Kreisen zu, die argumentieren, die »Illegalen« nähmen den Kaliforniern die Jobs weg. Tatsache aber ist, daß zu diesen Billiglöhnen und unter diesen sozialen Voraussetzungen kein Amerikaner auf einer Farm auch nur einen Handschlag tun würde. Nördliche Nachbargemeinde von Salinas ist Gilroy. Das unscheinbare Städtchen bleibt nur demjenigen in Erinnerung, der es im Hochsommer besucht, wenn die Gemeinde ihr alljährliches Knoblauchfest feiert. Dann nämlich wird klar, warum sich Gilroy als »Knoblauch-Hauptstadt der Welt« bezeichnet. In den Äckern um den Ort gedeiht das würzige Zwiebelgewächs und verleiht der Region eine unverkennbare Duftnote. Lokalpatrioten schwören sogar auf einen Wein, der ein wenig nach Knoblauch schmeckt. Und noch eine »Welthauptstadt«: Das in der westlichen Nachbarschaft gelegene
Castroville gründet seine Einmaligkeit nicht auf Knoblauch, sondern auf Artischocken. Über 80 Prozent der kalifornischen Produktion stammen aus dieser Gegend. Als großes Vermarktungszentrum sowohl für Knoblauch als auch für Artischocken und andere Feldfrüchte und Obst aus der Region hat sich schon vor Jahrzehnten Santa Cruz an der nördlichen Bucht von Monterey etabliert. Trotzdem ist der Ort keine verschlafene, konservative Farmerstadt. Für frischen Wind sorgen nicht nur der Pazifik, sondern auch die Studenten der University of California. Der dort propagierte und auch praktizierte liberale Hochschulbetrieb prägt den Campus bereits seit der Gründung in den sechziger Jahren. Damals glich der Ort - sehr zum Leidwesen mancher alteingesessener Bürger - einem Außenposten der Flower-Power-Kapitale San Francisco. Ein renommiertes Touristenziel ist Santa Cruz allerdings nicht, wenngleich sich die Strande der Stadt hinter anderen Konkurrenten nicht zu verstecken brauchen. Während das Erdbeben von 1989 im Zentrum beträchtliche Schäden anrichtete, blieb die über 100jährige
Municipal Pier vom Schlimmsten verschont und dient Freizeitanglern wie eh und je als Standort. Nicht weit entfernt beginnt der Boardwalk, ein Strandvergnügungspark mit Rummelplatz flair und einer »historischen« Achterbahn: »Big Dipper«. Das hölzerne, bis zu 20 Meter hohe und von über 20 000 Bolzen zusammengehaltene Ungetüm feierte im Jahr 1994 sein 70. Jubiläum und gibt sich immer noch als dynamischer Abenteuerspielplatz. Daß der nostalgische »Big Dipper« auch noch seinen 100. Geburtstag erleben wird, daran zweifelt niemand -selbst im High-Tech-verwöhnten Kalifornien nicht! |