Lake Tahoe
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Wie ein geheimnisvoller blauer Saphir fliegt der Lake Tahoe in der hohen Sierra, Wir hatten einen wunderschönen Blick auf den etwa 15 Meilen langen Gebirgssee zu unseren Füßen, der ganz von Höhenzügen umgeben ist, so daß wir keinen Abfluß entdecken konnten«, notierte der Entdecker John Fremontam 14. Februar 1844 in sein Notizbuch. Nach zweiwöchigem Kampf durch den hohen Schnee der Sierra Nevada hatte sich die Expedition über den Carson Paß bis in die Nähe des östlichen Ufers durchgeschlagen. Damals war der Lake Tahoe noch auf keiner Landkarte verzeichnet, denn John Fremont und sein Begleiter, der deutschstämmige Kartograph Karl Preuß, bekamen das Gewässer als erste Weiße zu Gesicht Tahoe, Großes Wasser, nannten die alten Washoe-lndianer den glitzernden, 37 Kilometer langen und 21 Kilometer breiten See. Lake Tahoe (2)Mit einer maximalen Tiefe von 502 Metern gehört er zu den tiefsten der Erde. Sein Wasser wirkt so sauber, so extrem arm an Schwebstoffen, daß selbst Gegenstände in 50 Metern Tiefe noch zu erkennen sind. Der Schriftsteller Mark Twain sprach vor über 100 Jahren von »Ballonreisen«, nachdem er mehrmals mit dem Boot über den glasklaren Bergsee gefahren war. »Die Räume unter uns kamen uns wie ein leerer Äther vor, und das Gefühl, hoch oben im Nichts zu schweben, war so stark.« Doch auch vor dem tiefblauen Wasser des Lake Tahoe hat die moderne Zivilisation nicht haltgemacht: Heute ist es besonders im Sommer schon lange nicht mehr so klar wie zu Mark Twains Zeiten. Algen wuchern als Folge der Überdüngung und trüben das Seewasser. Doch das sind nicht die einzigen Veränderungen, die der See in den letzten hundert Jahren erlebte. Am Südufer sind mächtige Hochhäuser entstanden. South Lake Tahoe wurde mit seinen vielen Motels entlang der Durchgangsstraße, mit Supermärkten und Münzwäschereien, Tankstellen und Coffee Shops zur größten Stadt am See und zum Touristenzentrum. Nur die Staatsgrenze zwischen Kalifornien und Nevada trennt es von der Ortschaft Stateline. Doch während der kalifornische Grenzort sich mit seinen teils im Blockhausstil errichteten Gebäuden in die Landschaft einzupassen versucht, ist Stateline mit seinen großen Spielkasinos und Hotelkästen planlos und häßlich in die traumhaft schöne Landschaft gewuchert. Zuckende Neonreklamen locken nachts die Besucher an Rouletttische und Spielautomaten. Tagsüber herrscht zwischen den Betonburgen Tristesse, selbst wenn die Sommersonne vom blauen Himmel brennt und die Badegäste an den zahlreichen Stranden rund um den See rösten Die Entwicklung der Stadt zum Zocker-Paradies begann nach dem Zweiten Weltkrieg. Da Glücksspiele in Kalifornien verboten sind, entdeckten die Kasinolöwen das Nevada-Ufer des Lake Tahoe, der schon damals ein überaus beliebtes Urlaubsziel war, für ihre Zwecke. Wo bisher nur Waldarbeiter und Durchreisende ein paar Dollars einigen wenigen mickrigen Spielautomaten anvertraut hatten, entstanden plötzlich pompöse Spielhallen. AltAnimMitte der sechziger Jahre begannen die Grundstückspreise zu explodieren, was einen Journalisten in San Francisco damals zum Ratschlag an seine Leser verleitete: »Wenn Sie etwas Geld auf der Bank haben, sollten Sie ans Südende des Lake Tahoe rennen, nicht gehen. Dort wartet noch mehr auf Sie, falls Sie wissen, wie man das Geld anlegt.« Das Nachsehen hatte bei diesem wirtschaftlichen Höhenflug die Natur. Feuchtgebiete und Wiesen wurden Straßen Wegen und Parkplätzen geopfert. Ein großer Teil der Uferregion ging in Privatbesitz über. Um das Ufer des »zweigeteilten« Seesein Drittel der Wasserfläche gehört zu Nevada, der Rest zu Kalifornien - verläuft eine knapp 120 Kilometer lange Autostraße. Sie öffnet den Zugang zu zahlreichen Stranden, von denen die meisten am Westufer in Kalifornien liegen. Ein ganz besonderes Schmuckstück an diesem Seeabschnitt ist die Emerald Bay. Nicht Edelsteinfunde, sondern das smaragdgrüne Wasser gab der Bucht ihren Namen. Mittendrin liegt mit Fanette Island die einzige Insel des Sees, die gerade groß genug ist, um ein dort errichtetes Teehaus zu tragen. Im Stil einer skandinavischen Wikingerburg baute am Ufer ein schwedischer Architekt für die Millionärin Lora Knight das 38 Räume große und ein bißchen düstere Anwesen Vikingsholm. Herrschaftliche Residenzen und prächtige Villen gibt es reichlich am See. Die meisten verstecken sich hinter hohen Mauern und Hecken. Nicht so das Ehrman Mansion im Sugar Pine Point State Park aus dem Jahr 1903, wo Teile des Mafia-Thrillers »Der Pate II« gedreht wurden. Weiter nördlich bei Tahoe City biegt die Straße nach Squaw Valley ab, wo 1960 die Olympischen Winter spiele stattfanden. Auch heute noch dreht sich dort in der kalten Jahreszeit alles um den Skizirkus, der inzwischen aber längst auch andere Berghänge um den See erfaßt hat. Große Besuchermassen zieht ebenfalls Incline Village am nördlichen Nevada-Ufer an, Ponderosawo auch europäische Besucher ein »Dejävu«-Erlebnis haben. Rund um den See machen schon vorab riesige Plakatwände auf den Western-Park »Ponderosa Ranch« aufmerksam, in dem das »originale« Ranch-Haus der Familie Cartwright steht, die mit ihren abenteuerlichen Erlebnissen in der 414teiligen TV-Serie »Bonanza« auch deutsche Zuschauer unterhielt. In dem nachgebauten Filmdorfstehen typische Westerngebäude mit Scheinfassaden; Kinder kommen in einem kleinen Streichelzoo auf ihre Kosten. Im Norden des Tahoe-Sees wird die Landschaft immer einsamer. Ein krasser Kontrast zu der größtenteils noch unberührten Landschaft und weiten Natur ist die Spielerstadt Reno in Nevada, die man über Carson City erreicht. Am Rand des Großen Beckens mit seinen Mondlandschaften gelegen, spielt Reno im Reich der Spielautomaten allerdings nur die »zweite Geige«. DasPonderosa 2 unumstrittene Gambling-Paradiesistdie Wüsten-Metropole Las Vegas. Über der zentralen Virginia Street prangt eine monumentale Leuchtschrift, auf der Reno Nacht für Nacht sein Motto bekannt gibt: »The Biggest Little City in the World«. Auf clevere Art und Weise kommt die 134000 Einwohner große Stadt auf diese Weise trotz der Vorherrschaft von Las Vegas zu einem Superlativ. Die Glücksspiel- industrie zeigt sich vor Ort erheblich betulicher als in der weltbekannten Schwesterstadt im Süden Nevadas, die Nächte sind lange nicht so hektisch. Und gerade das schätzen viele Besucher. Auf dem Boden Kaliforniens scheint die Zivilisation auf der Höhe von Lake Tahoe zu enden. Der hohe Norden mit den nördlichsten Abschnitten der Sierra Nevada und der Cascade Range ist ein äußerst dünn besiedelter Landesteil geblieben, nun leben dort sogar weniger Menschen als zu Zeiten der indianischen Besiedlung. Wer sich in diese riesige, wilde und unwegsame Naturlandschaft zurückgezogen hat, dem wird auch heute noch vieles von dem abverlangt, was die ersten weißen Pioniere leisten mußten. Die Wildheit der Region bekamen vor 150 Jahren einige Siedler zu spüren, die mit ihren Planwagentrecks aus dem Osten der USA in Richtung Pazifikküste ins gelobte Land zogen. Einer der damaligen Emigrant Trails überquerte die Sierra auf Straßenschildder Trasse der heutigen Interstate 80 von Reno und Truckee, der kältesten Stadt Kaliforniens, nach Sacramento.Auf dieser Route liegt der Donner Lake, der seinen Namen durch eine Tragödie bekam, die sich im Jahr 1846 an dieser Stelle zutrug. Eine 87köpfige Einwanderergruppe aus Illinois schlug eine neue Route durch die Sierra ein und wurde auf diesem Abschnitt der Sierra vom ein- brechenden Winter überrascht. Ausgiebige Schneefälle verhinderten den ganzen Winter über, daß Hilfstrupps bis zu den Hungernden und Verzweifelten durchkamen. Viele überlebten nur durch Kannibalismus. Insgesamt ließen 34 Mitglieder des Trecks im Gebirge ihr Leben. Unter den Glücklichen, die den Winter überstanden, war Patrick Breen, dessen aufwühlende Tagebuchaufzeichnungen im Jahr 1936 veröffentlicht wurden. Der Nordosten ist der vom Tourismus am wenigsten berührte Landstrich Kaliforniens. Im unendlich weiten, von riesigen Wäldern bedeckten Bergland der Cascade Range drängen sich Vergleiche mit Kanada auf. Am »exotischsten« gibt sich die Wildnis in den Vulkangebieten, wo Schwefeldämpfe stinkend gen Himmel steigen und höllische Kräfte in blubbernden Tümpeln zutage treten. Diese Region überragt der 3187 Meter hohe, kegelförmige Lassen Peak. Viele Jahrhunderte, bis zum Frühjahr 1914, schenkte man ihm keine besondere Aufmerksamkeit; er diente den Einwanderertrecks lediglich als Orientierungshilfe auf dem Weg ins Central Valley. Doch dann offenbarte der Lassen sein wahres Gesicht: Nachdem er etwa ein Jahr lang gequalmt und Vulkanasche über seine Hänge verteilt hatte, folgte am 19. Mai 1915 eine gewaltige Eruption. Aus dem Krater stürzte eine sechs Meter hohe Flutwelle aus Schlamm, Asche und Schmelzwasser zu Tal. Gesteinsbrocken flogen bis an den Stadtrand von Reno, und eine mächtige Rauchwolke stieg über 10000 Meter hoch in den Himmel. Bis 1921 folgten weitere, kleine Ausbrüche, dann verstummte der Riese. Daß er noch am Leben ist, beweist er in der Hexenküche Bumpass Hell. Ein Holzsteg windet sich durch dieses größte geothermisch aktive Gebiet des Lassen Volcanic National Park. Benannt ist der Ort nach K.V. Bumpass, einem Führer und Förderer der Region, der um 1860 durch die dünne Kruste eines kochenden Schlammtopfes gebrochen war und sich dabei schwer verbrannt hatte. Von seiner idyllischen Seite zeigt sich der Lassen Peak mit traumhaften Lake TahoePostkartenansichten etwa am Manzanita Lake oder am Reflection Lake. Aus dieser Region, den Vorbergen des Lassen Peak, stammte der letzte wildlebende Indianer der Vereinigten Staaten. Im August 1911 ergab sich Ishi, so nannte sich der Mann, friedlich der Zivilisation. Er war der letzte seines Stammes und hatte wie ein Steinzeitmensch gelebt - so wie sein Volk Jahrtausende vor ihm: Seine Kleidung bestand aus Fellen, gejagt   hatte   er   mit  Steinpfeilspitzen. Vor Ankunft der Weißen gab es in Kalifornien   rund 300000 Indianer  und mehr als 300 verschiedene Stämme; über 80 Sprachen wurden gesprochen. Von dieser einzigartigen Vielfalt  ist kaum  etwas geblieben. Zwar hatten schon die Spanier den Indianern arg zugesetzt und sie zum Christentum gezwungen, doch sie ließen sie am Leben. Mit dem Goldrausch kam jedoch das Chaos  und  mit  ihm  das  Ende  aller christlichen Moralvorstellungen. Viele Indianer wurden getötet oder vertrieben. Zudem zerstörten die Goldsucher und Siedler die Lebensgrundlagen der Ureinwohner: Die Wälder wurden verheizt, die Flüsse durch den Abraum aus den Minen verschmutzt. Eingeschleppte Krankheiten, gegen die die Indianer keine Abwehrkräfte besaßen, taten ein übriges. Die letzten Überlebenden, höchstens 100000, sollten in Reservate abgeschoben werden, von denen die meisten  nicht den traditionellen  Lebensgewohnheiten entsprachen. Zahlreiche blutige Schlachten und am Ende die gewaltsame Deportation in die Reservate waren die Folge. Die wenigen Indianer, die überlebten, wandten sich der Lebensweise und der Kultur der weißen Einwanderer zu und tauchten in den großen Städten unter. Erst seit einigen Jahren entdecken sie ihre verlorengegangen geglaubte Kultur wieder. Ishi vom Stamm der Yana verbrachte die letzten fünf Jahre als Hilfshausmeister in einem Museum in Berkeley. Mit seinem Tod verschwand die jahrtausendealte Kultur seines Volkes für immer vom Erdball. Trotz seiner stolzen Höhe wird der Lassen Peak um mehr als 1000 Meter vom Mount Shasta überragt, dessen Gipfel 4317 Meter mißt. Der das ganze Lake Tahoe 2Jahr eine Schneemütze tragende »weiße Riese« befindet sich nördlich von Redding in der Cascade Range und ist schon aus hundert Kilometern Entfernung am Horizont erkennbar, wenn man sich ihm von Central Valley nähert. Bis auf 2300 Meter Höhe führt eine Autostraße zur Ski Bowl, wo der kräftezehrende Normalaufstieg zum Gipfel beginnt. Mount Shasta, der angesichts seiner kegelförmigen Gestalt häufig mit dem japanischen Fujijama verglichen wird, gehört mit seinen fünf Gletschern zu den schlafenden Vulkanen des Landes. Demgegenüber lassen die fast an der Oregon-Grenze liegenden Lava Beds auf einem von Vulkankratern zernarbten   Plateau  die  Spuren vergangener geothermischer Aktivitäten noch deutlich erkennen. Unter der Erdoberfläche ziehen sich teils mächtige Lavaröhren entlang, durch die flüssiges Gestein abfloß und geheimnisvolle Höhlen entstehen ließ. Im Jahr 1872 erlangtetlieser vergessene Winkel Kaliforniens traurige Berühmtheit. Eine Gruppe von 52 Modoc- lndianern versteckte sich fünf Monate lang vor der US-Armee, welche die Ureinwohner schließlich vertrieb. Von den Lava Beds ist es nur noch ein Katzensprung ins benachbarte Oregon. In der dortigen Cascade Range liegt mit dem Crater Lake National Park eines der  spektakulären   Naturwunder  des amerikanischen Westens. Der intensiv blaue, von zackigen Felsen umgebene, 589 Meter tiefe Bergsee entstand vor knapp 7000 Jahren bei einem Vulkanausbruch, als der Mount Mazama in eine unterirdische Magmakammer einbrach. An seinem Rand steigen keine Schwefeldämpfe in den Himmel, und nirgendwo blubbert heißer Schlamm. Doch die seltsame, fast befremdende Schönheit läßt erahnen, daß die Stille in dieser Bergwelt trügerisch sein kann. Denn noch immer soll es hier hin und wieder leise im Untergrund rumoren.
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